Köln verdankt seine Gründung einer Frau, doch die Regie führen bis heute die Männer. Was im Karneval Tradition hat, spiegelt die Realität vieler Aufsichtsräte wider: Die Geschichte ist weiblich, die Besetzung männlich. Ist das noch zeitgemäß oder ein strategischer Fehler?
Die Jungfrau im Dreigestirn symbolisiert Köln als Mutter Colonia. Sie steht damit für die Unverletzlichkeit und Wehrhaftigkeit der Stadt. Die Figur verkörpert die römische Kaiserin Agrippina, die wahre Gründerin der Stadt Köln, die traditionell im Karneval von einem Mann repräsentiert wird. (Wikipedia)
Das Paradoxon: In der Karnevals-Tradition ist diese Jungfrau ein Mann in Frauenkleidern und seit 1993 ausgestattet mit einem Spiegel für ihre eigene Bewunderung. Auch der Elferrat und die Entscheidungsgremien dahinter sind bis heute männlich geprägt. Die Geschichte ist weiblich, die Darstellung männlich und die Macht bleibt an der Spitze.
Vom Brauchtum zum Business Case: Strukturwandel in der Narren-Governance
Aber es tut sich was, das größte Ehrenamt der Welt verändert sich. Die Qualitätsoffensive kommt von unten, von den „Fußgruppen“ und den Aktiven des Straßen- und Sitzungskarnevals und vom alternativen Karneval, die die neuen Strukturen bereits vorleben und das mit Erfolg.
Etablierte Strukturen werden hinterfragt. Ämter, Amtszeiten, Qualität und auch der Karneval als Wirtschaftsfaktor stehen zur Debatte. Genau hier zeigt sich für mich die Symbolkraft des alternativen Karnevals, der Stunksitzung, die dem etablierten Karneval den Spiegel vorhält.
Stunksitzung: Wenn die Persiflage das System nicht nur spiegelt, sondern überholt
Die Stunksitzung ist für mich ein besonderes Vorbild. Sie haben gezeigt, was neue Strukturen bewirken können, indem sie inhaltlich dem etablierten Karneval sowie der männerdominierten Politik und Kirche den Spiegel vorhalten und zeigen, wie Veränderung funktionieren kann. Mit demokratischen Strukturen, ohne Hierarchien und immer mit dem Ohr am Publikum.
Das gesamte Ensemble ist verantwortlich für die Weiterentwicklung und das Programm der Session.
Früher war es notwendig, für Karten stundenlang in der Kälte auszuharren. Auch heute sind sie online schnell vergriffen. Wer denkt, fünf Stunden lang bequem zu sitzen, irrt sich. Auf Bierbänken kann man nicht anders als mitzuschunkeln und an der Bierbank Gymnastik teilzunehmen. Die Lachmuskeln werden jedes Jahr aufs Neue, zu aktuellen Themen trainiert. Viele aus Politik und Gesellschaft werden dabei aufs Korn genommen.
Der Erfolg könnte vermuten lassen, dass ein Hinterfragen der eigenen Strukturen nicht notwendig ist. Und doch ist genau das Gegenteil der Fall.
Alaaf und Tschüss! Der Prinz geht – die Narrenfreiheit bleibt
Genau wie bei den Etablierten kommt die Zeit für Veränderung auch bei den Akteuren an. Biggi Wanninger ist Teil des Ensembles und gleichzeitig die Sitzungspräsidentin der Kölner Stunksitzung. In einem Interview mit Sarah Brasack vom Kölner Stadtanzeiger beschreibt sie die Herausforderungen, ein anspruchsvolles Publikum immer wieder neu zu überraschen und gleichzeitig die Voraussetzungen für ständigen Wandel zu schaffen. Auf die Frage nach einer Exit Strategie antwortet sie: „Bleibe ich so lange, wie ich körperlich noch fit bin? Oder höre ich früher auf, um noch Zeit zu haben, etwas anderes zu machen?“ Eine typische Antwort von Menschen, die verändern wollen. Versperrt ihnen das Amt ihren Weg, heißt es auf zu neuen Ufern. Diese Diskussion, sagt sie: „führen sie auch im Team. Wann hören wir auf, wer kommt ins Team, wie machen wir es in Zukunft“.
Genau wie im Aufsichts- und Beirat gibt es keine Verpflichtung in Rente zu gehen, wohl aber die Verantwortung, gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden.
Während viele Unternehmen derzeit über Stagnation klagen, boomt der Wirtschaftsfaktor Karneval. Warum? Weil der Wandel hier von unten kommt. Die „Fußgruppen“ antizipieren Markttrends schneller als die etablierten Vorstände.
Handwerk statt Zufall: High Performance die neue Narrenfreiheit
Auch die Qualität der Mitwirkenden ist gestiegen. Während früher Nummern im heimischen Wohnzimmer entstanden oder sich Bandmitglieder ihre Instrumente selbst beibrachten, arbeiten heute Regisseure und Regisseurinnen an den Stücken. Nummern werden vor Publikum probeaufgeführt, weiterentwickelt oder aus dem Programm genommen. Viele neue Bandmitglieder können Noten lesen, haben Musik studiert und die Stücke werden professionell geschrieben und umgesetzt. Das Niveau und die Ansprüche des Publikums sind den Künstlern gefolgt.
Mehr als Repräsentation: Frauen als strategische Kraft im Elferrat
Im Karneval lässt sich viel über die gläserne Decke lernen. Und darüber, dass sie sich auch mit Humor nicht leicht anheben lässt, solange es an der Spitze so homogen bleibt wie in einem DAX-Vorstand der 90er Jahre.
Die jungen Jecken zeigen, wie es anders gehen kann. In Tanzcorps wird vorausschauend Doppelspitzen eingeführt. Ein Leiter sagte, er wolle nicht allein verantwortlich sein für viele Tänzerinnen und habe deshalb die Hälfte der Verantwortung an eine Tänzerin abgegeben, die aus der Gruppe heraus gewählt wurde.
Brauchen wir also auch in den Gremien und im Ehrenamt neue, demokratische Strukturen?
Mandats-Begrenzungen, zeitgemäße Zugangsvoraussetzungen und ein Ende der starren Hierarchien? Ich bin überzeugt: Das gesamte Gremium sollte verantwortlich sein für die Weiterentwicklung und damit für den wirtschaftlichen Erfolg. Können wir in der Wirtschaft von den „Fußgruppen“ im Karneval lernen?
Kölle alaaf!
Ich wünsche allen Jecken und Freunden des rheinischen Karnevals einen schönen, fröhlichen Fastelovend. Feiern wir das größte ehrenamtliche Fest der Welt. Und ja, Männer können Macht abgeben oder teilen und Frauen können neue Wege finden, auch in etablierten und verkrusteten Strukturen.
#Leadership #Strategie #CorporateGovernance #ModernBoardroom #LeadershipTransformation